Heute Morgen bin ich mit der Frage in den Wald gegangen: Was nährt mich?
Es war noch früh, kurz nach sieben, und der Wald lag still vor mir. Immer wieder setzte Regen ein, und jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt möchte ich stehen bleiben, jetzt möchte ich mich irgendwo hinsetzen, wurde er stärker. Also ging ich weiter. Und während ich weiterging, ließ der Regen wieder nach. Fast so, als sollte ich noch ein Stück tiefer hinein.
Irgendwann fand ich einen umgestürzten Baum. Seine große Wurzel ragte aus der Erde und bildete einen geschützten Raum, fast wie eine kleine Höhle. Dort setzte ich mich hin. Um mich herum waren Pilze, viele Pilze. Rechts von mir wuchs ein großer weißer Pilz am Baum, geformt wie eine Schale. Links entdeckte ich an einer Buche ein winziges Blatt, fast herzförmig, ganz zart. Zwischen den Bäumen lag weiches Moos, auf das ich meine Hand legen konnte.
Irgendwann wurde es ganz still in mir
Ich saß einfach nur da, hörte den Regen und spürte plötzlich, wie wenig dieser Wald von mir wollte. Es war vollkommen egal, was ich anhatte, wie ich aussah, ob ich etwas zu sagen hatte oder nicht, ob ich gerade stark oder müde, fröhlich oder traurig war. Ich musste nichts erklären. Ich musste nichts darstellen. Ich musste nichts leisten.
Die Natur darf einfach sein, hier fühle ich mich wohl
Eine ganze Weile blieb ich dort sitzen. Irgendwann kam ein Reh vorbei. Es rannte nicht. Es ging ganz ruhig, aufrecht und zart durch den Wald. Ich schaute ihm nach und blieb weiter sitzen.
Später fiel mein Blick in die Ferne. Zwischen all den dunkleren Stämmen stand ein großer, fast weißer Baum, der im zunehmenden Morgenlicht leuchtete. Erst später erkannte ich, dass er abgestorben war. Und trotzdem leuchtete er.
Als ich schließlich dachte, nun könnte ich langsam aufstehen und weitergehen, erschien ganz in meiner Nähe ein winzig kleiner brauner Vogel. So klein und zart, mit seinem Schwänzchen aufrecht in die Luft gestellt. Er hüpfte umher, wach und lebendig, und ich musste ihm einfach eine Weile zusehen. Da war etwas Spielerisches an ihm, etwas Leichtes, fast Fröhliches. Ein Zaunkönig als Wegbegleiter, wie wunderbar und welch Freude.
Durch die Begegnung mit dem Zaunkönig erinnerte ich mich an eine Geschichte. Die Vögel wollten einst ihren König bestimmen, und König sollte werden, wer am höchsten fliegen konnte. Der Adler stieg höher und höher in den Himmel, bis er nicht mehr weiterkonnte. Doch in seinem Gefieder hatte sich der winzige Zaunkönig verborgen. Als der Adler seine größte Höhe erreicht hatte, kam der Kleine hervor und flog noch ein Stück höher. Seitdem trägt dieser winzige Vogel den König in seinem Namen.
Und während ich diese Geschichte aufschreibe, sehe ich ihn wieder vor mir. Dieses kleine braune Wesen im großen Wald. So unscheinbar und gleichzeitig so vollkommen da. Er musste nicht größer sein. Er musste nicht lauter sein. Er musste niemandem zeigen, dass er wichtig war. Er war einfach da.
Vielleicht hat mich genau das heute Morgen so berührt
Dass Größe nicht immer groß aussehen muss
Dass ich meinen Platz nicht erst verdienen muss
Dass ich nicht mehr sein muss, als ich gerade bin



