Warum Fasten mehr sein darf als Verzicht – und was es mit unserem Nervensystem, unserer Körperkompetenz und dem Gefühl von Lebendigkeit und Leichtigkeit zu tun hat.

In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder Menschen durch Fastenzeiten begleitet. Und dabei beobachte ich etwas, das mich zunehmend beschäftigt: Vielleicht brauchen wir heute einfach mehr Zeit, um wirklich bei uns selbst anzukommen.

Oft wird beim Fasten davon gesprochen, dass nach ungefähr drei Tagen der sogenannte Fasten-Kick einsetzt. Der Hunger lässt nach, der Kopf wird klarer, eine neue Energie entsteht und plötzlich fühlt sich vieles leichter an. Manche Menschen erleben genau das. Andere nicht. Und ich glaube, dass wir genauer hinschauen dürfen, warum das so ist.

Denn die Menschen kommen nicht nur mit ihrem Körper zum Fasten. Sie bringen ihren Alltag mit, ihre Verantwortung, ihre Sorgen, ihre Erwartungen und all das, was sie über Wochen, Monate oder manchmal Jahre getragen haben.

Viele funktionieren schon so lange, dass sie kaum noch wahrnehmen, wie angespannt sie eigentlich sind. Sie haben gelernt, durchzuhalten, sich anzupassen, Erwartungen zu erfüllen und immer wieder weiterzumachen. Und dann kommen sie für eine Woche zum Fasten und sollen plötzlich loslassen.

Aber kann unser Körper einfach auf Knopfdruck umschalten?

Ich beobachte, dass manche Menschen zunächst mehrere Tage brauchen, um überhaupt langsamer zu werden. Um nicht mehr ständig etwas tun zu müssen. Um die innere Unruhe wahrzunehmen, ohne sie sofort verändern zu wollen. Vielleicht auch, um die Masken abzulegen, die sie im Alltag tragen, und wieder zu spüren, wer sie eigentlich sind, wenn niemand etwas von ihnen erwartet.

Und genau hier beginnt für mich ein ganz wesentlicher Teil des Fastens. Nicht beim Verzicht auf Nahrung, sondern bei der Begegnung mit uns selbst. Unser Nervensystem spielt dabei eine wichtige Rolle. Wer über längere Zeit unter Stress steht, findet nicht unbedingt sofort in die Entspannung, nur weil der Terminkalender plötzlich leer ist. Der Körper braucht manchmal Zeit, um sich auf eine veränderte Umgebung einzustellen und wieder Momente von Sicherheit und Ruhe zu erleben.

Deshalb verbinde ich das Fasten so gerne mit Bewegung, Natur, Yoga, bewusster Atmung, Wissen über unseren Körper und auch mit Massagen. Gerade die Berührung kann eine wunderbare Einladung sein, wieder im eigenen Körper anzukommen. Während einer Massage müssen wir nichts leisten, nichts erklären und nichts erreichen. Wir dürfen einfach wahrnehmen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit spüren wir zum ersten Mal seit Langem, wie fest unsere Schultern wirklich sind, wie wir unseren Atem halten oder wie angenehm es sich anfühlt, wenn die Muskulatur langsam nachgibt. Daraus kann dieses besondere Gefühl von Leichtigkeit entstehen. Nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Für mich ist das Körperkompetenz. Die Fähigkeit, die Signale des eigenen Körpers wieder wahrzunehmen, sie besser zu verstehen und zunehmend zu erkennen, was uns guttut und was wir gerade brauchen.

Fasten kann dafür einen Raum öffnen. Nicht, weil es automatisch alle Probleme löst, sondern weil sich unsere gewohnten Abläufe verändern. Wir essen anders, bewegen uns bewusster, verbringen Zeit in der Natur und haben vielleicht endlich Gelegenheit, uns selbst wieder zuzuhören.

In den Momenten den eigenen Körper wieder wahrzunehmen und zuzuhören, geschieht manchmal etwas ganz Unscheinbares. Die Schritte werden leichter. Der Atem wird ruhiger. Die Gedanken verlieren ihre Dringlichkeit. Wir lachen wieder mehr, genießen Begegnungen und entdecken eine Lebendigkeit, die im Alltag kaum noch Platz hatte. Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, auch unsere Vorstellungen vom Fasten etwas zu verändern.

Nicht jeder Mensch erlebt am dritten Tag einen Energieschub. Nicht jeder Körper reagiert gleich. Und nicht jede Veränderung lässt sich an einem bestimmten Fastentag festmachen. Vielleicht brauchen manche Menschen fünf Tage, um wirklich anzukommen. Vielleicht beginnt die eigentliche Erholung sogar erst dann, wenn die Fastenwoche schon fast vorbei ist.

Deshalb beschäftigt mich zunehmend die Frage, ob wir den Menschen nicht mehr Zeit schenken sollten. Mehr Raum für den Übergang vom Funktionieren ins Wahrnehmen. Weniger Erwartungen daran, was beim Fasten passieren muss, und mehr Offenheit dafür, was sich ganz individuell entwickeln darf.
Denn für mich geht es beim Fasten längst nicht mehr nur darum, für eine bestimmte Zeit auf Nahrung zu verzichten.

Es geht darum, wieder eine Beziehung zum eigenen Körper aufzubauen. Zu verstehen, wie eng Ernährung, Bewegung, Berührung, Schlaf, Stress und unser Nervensystem miteinander verbunden sind. Und vielleicht nehmen wir am Ende einer solchen Auszeit etwas viel Wertvolleres mit als das Gefühl, eine Woche gefastet zu haben.

Das Gefühl, wieder bei uns selbst angekommen zu sein. Nicht perfekt. Nicht vollkommen entspannt. Aber ein wenig leichter, lebendiger und verbundener mit dem, was uns wirklich guttut.