Wir Menschen neigen dazu, uns über Rollen zu definieren.
Ich bin Gabriele , ich bin Mutter, Ich bin die Partnerin, ich bin die Mutter -Tochter – Schwester von …..
Ich bin die Therapeutin, ich bin der Patient, ich bin gesund, ich bin krank, ich bin stark …… Ich bin hilfsbedürftig.
Diese Zuschreibungen helfen uns, die Welt zu ordnen. Sie geben Orientierung und Sicherheit. Doch manchmal bringt uns das Leben an einen Punkt, an dem diese festen Grenzen durchlässig werden.
Durch Krankheit, Alter, Verlust, Erschöpfung oder Krisen kann etwas geschehen, das unsere gewohnten Vorstellungen von uns selbst ins Wanken bringt. Plötzlich ist der Starke auch verletzlich. Die Begleitende wird selbst zur Suchenden. Der Mensch, der anderen Halt gibt, spürt seine eigene Unsicherheit.
Unser Verstand möchte solche Erfahrungen einordnen. Er fragt: Wer bin ich jetzt? Was bedeutet das? Ist das gut oder schlecht? Doch vielleicht liegt genau darin eine Einladung.
Nicht alles sofort zu bewerten.
Nicht jede Veränderung als Verlust zu betrachten.
Nicht jede Erfahrung in eine Schublade zu legen.
Denn auch wenn ein Mensch eine Diagnose erhält, bleibt er mehr als diese Diagnose.
Er / Sie ist nicht Parkinson – Er / Sie ist nicht Demenz – Er / Sie ist nicht Depression – Er / Sie ist nicht Autist …. ADHS …. und so könnte ich noch vieles mehr auszählen. Wir sind Menschen, in dem all diese Erfahrungen auftauchen.
In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die sich nach einem Ort sehnen, an dem sie nicht auf ihre Symptome, ihre Geschichte oder ihre Rolle reduziert werden. Ein Ort, an dem sie nicht funktionieren müssen. Ein Ort, an dem sie sich wieder als ganzer Mensch erfahren dürfen. Für mich entsteht Heilung oft nicht dadurch, dass etwas sofort verändert wird. Sie beginnt dort, wo wir uns selbst wieder begegnen.
Im Atem.
Im Körper.
In der Stille.
In einer Berührung.
In einem Gespräch.
Dort erinnert sich etwas in uns an eine tiefere Form von Heimat. Eine Heimat, die nicht an einen Ort gebunden ist, sondern an das Gefühl von Verbundenheit. Mit uns selbst. Mit anderen Menschen. Mit dem Leben.
Der Verstand fragt:
„Was unterscheidet uns?“
Das Herz fragt:
„Was verbindet uns?“
Und vielleicht entsteht Weisheit genau dort, wo beides gleichzeitig gesehen werden kann. Wo wir Unterschiede anerkennen, ohne die Verbundenheit zu verlieren. Wo wir die Gegensätze des Lebens nicht auflösen müssen, sondern lernen, sie zu halten. Dann wird aus dem Entweder-oder ein Sowohl-als-auch. Aus Widerstand wird Wahrnehmung. Und aus Bewertung entsteht Mitgefühl. Für uns selbst und für andere.
Denn Menschsein bedeutet nicht, nur eine Seite zu sein. Wir sind die Klarheit und die Verwirrung. Die Kraft und die Verletzlichkeit. Die Angst, das Vertrauen und die Liebe.
Ich frage mich gerade:
Liegt darin unsere Würde,
dass wir uns erlauben, all das zu sein.



