Warum weniger manchmal so viel mehr sein kann.
Fasten wird häufig mit Verzicht verbunden. Mit dem Weglassen von Nahrung, mit Disziplin, mit Durchhalten. Doch je länger ich Menschen durch das Fasten begleite, desto mehr verändert sich mein Blick darauf. Für mich ist Fasten längst viel mehr geworden als eine Zeit, in der wir auf feste Nahrung verzichten.
Fasten ist ein Weg. Ein Weg, auf dem wir wieder lernen können, uns selbst wahrzunehmen. Unseren Körper zu spüren, seine Signale zu verstehen und vielleicht auch wieder zu entdecken, was Lebendigkeit eigentlich bedeutet.
Gestern saß ich im Wald am Wasser. Die Luft war weich, die Natur um mich herum still. Ich lauschte, beobachtete und spürte in mich hinein. Irgendwann entstand dieser ganz klare Impuls, ins Wasser zu gehen. Ohne lange darüber nachzudenken, folgte ich ihm. Das Wasser war kühl, mein Körper reagierte sofort, und als ich wieder herauskam, fühlte ich eine wunderbare Frische und Wachheit. Ich ging sogar ein zweites Mal hinein, einfach weil es sich so lebendig anfühlte.
Es war nichts Besonderes geschehen. Und gleichzeitig war es für mich ein ganz besonderer Moment. Ich hatte meinem Körper zugehört.
Vielleicht ist genau das etwas, was uns im Alltag immer häufiger verloren geht. Wir haben gelernt zu funktionieren, Anforderungen zu erfüllen, Termine einzuhalten und selbst dann weiterzumachen, wenn unser Körper längst andere Signale sendet. Wir übergehen Müdigkeit, ignorieren Anspannung und verlieren manchmal das Gefühl dafür, was uns eigentlich guttut.
Unser Nervensystem begleitet uns dabei ununterbrochen. Es reagiert auf Belastungen, auf Sicherheit, auf unsere Umgebung und auf das, was wir innerlich erleben. Wenn Stress über längere Zeit unser Leben bestimmt, kann es schwerfallen, die eigenen Bedürfnisse überhaupt noch wahrzunehmen.
Und genau hier beginnt für mich die Körperkompetenz.
Körperkompetenz bedeutet, die Signale des eigenen Körpers wieder wahrzunehmen, sie besser einordnen zu können und einen bewussteren Umgang mit ihnen zu entwickeln. Das Wissen über unser Nervensystem hilft uns zu verstehen, warum Ruhe, Sicherheit, Bewegung, frische Luft und vor allem Zeit so wichtig sein können.
Seit vielen Jahren begleite ich Fastengruppen und beobachte dabei eine Veränderung. Früher erlebte ich häufig, dass Menschen bereits nach zwei oder drei Tagen eine erstaunliche Energie entwickelten. Heute habe ich oft den Eindruck, dass sie zunächst viel mehr Ruhe benötigen. Dass sie erschöpft sind, wenn der Alltag endlich einmal stiller wird. Dass sie erst langsam wieder bei sich ankommen.
Vielleicht liegt das daran, wie viel Anspannung viele Menschen bereits mitbringen. Vielleicht zeigt sich während einer Fastenwoche auch einfach deutlicher, was im Alltag lange übergangen wurde.
Ich habe gelernt, diesen Menschen Zeit zu lassen.
Denn Fasten muss kein weiterer Anspruch sein, den wir an unseren Körper stellen. Es darf vielmehr ein bewusst gestalteter Raum sein, in dem wir ihm zuhören. Dabei ist auch das Fasten selbst eine körperliche Herausforderung, die nicht für jeden Menschen gleichermaßen geeignet ist. Umso wichtiger sind eine achtsame Begleitung und der individuelle Umgang mit den eigenen Grenzen.
Was mich immer wieder berührt, sind die kleinen Veränderungen. Wenn ein Gesicht weicher wird, wenn ein Mensch plötzlich wieder Freude an Bewegung empfindet, wenn ein Spaziergang im Wald zu einem tiefen Erlebnis wird. Wenn aus dem ständigen Müssen langsam wieder ein Wollen entsteht.
Dann wird aus dem vermeintlichen Verzicht etwas ganz anderes.
Wir verzichten für eine begrenzte Zeit auf Gewohntes und gewinnen möglicherweise etwas zurück: Aufmerksamkeit für uns selbst, Klarheit, Ruhe, das Vertrauen in die eigenen Empfindungen und die Freude daran, lebendig zu sein.
Für mich gehören deshalb Fasten, Körperkompetenz und Nervensystemregulation zusammen. Nicht, weil Fasten automatisch unser Nervensystem reguliert, sondern weil eine bewusst gestaltete Fastenzeit die Möglichkeit eröffnet, unseren Körper besser kennenzulernen und neue Erfahrungen mit Ruhe, Bewegung und Selbstwahrnehmung zu machen.
Vielleicht müssen wir gar nicht immer noch mehr hinzufügen, um uns besser zu fühlen. Vielleicht dürfen wir manchmal etwas weglassen, langsamer werden und wieder wahrnehmen, was längst da ist.
Gestern im Wald habe ich diese Lebendigkeit gespürt. Nicht, weil ich etwas erreicht hatte, sondern weil ich einen Moment lang ganz bei mir war und dafür bin ich gerade sehr dankbar. Für mich ist das die schönste Erfahrung, die ich aus meiner Fastenzeit mitnehmen konnte.
Fasten ist nicht nur ein Weg des Weglassens. Es kann ein Weg sein, wieder bei sich selbst anzukommen. Nicht weniger Leben, sondern mehr vom Leben zu spüren.



