Viele Menschen nähern sich der Stille so, als wäre sie eine Aufgabe. Man muss sie lernen, erreichen, festhalten oder richtig machen. Doch vielleicht ist Stille nicht etwas, das wir herstellen. Vielleicht ist sie etwas, das bereits da ist, wenn für einen Moment das ständige Tun aufhört.

Hier stellen sich für mich zwei Fragen, die mich zur Zeit gerade beschätigen.

Die erste lautet: Was ist Stille?

Die zweite, noch tiefere: Wer bin ich, wenn ich nichts tue?

Ein Leben lang haben die meisten von uns gelernt, dass unser Wert an Leistung gebunden ist, dann fühlt sich Nichtstun nicht wie Ruhe an. Es fühlt sich zunächst wie Gefahr an. Damit tauchen weitere Gedanken auf:

* Ich verschwende Zeit.
* Ich müsste etwas schaffen.
* Ich müsste produktiv sein.
* Ich habe kein Recht, einfach nur da zu sein.

Immer wieder entdecke ich in Gesprächen diese existentielle Frage, die mich nach den Erlebnissen in den letzten Monaten sehr berühren und frage mich: Was ist, wenn ich keine Berechtigung habe, um hier zu sein?“ Ich muss erkennen das sich dahinter ganz viel Angst verbirgt.

„Wenn ich nichts leiste, löse ich mich auf.
Wenn ich nichts beitrage, bin ich niemand.
Wenn ich nicht renne, gibt es mich dann überhaupt?“

Plötzlich befinde ich mich im Austausch mit mir Selbst und der Frage nach meiner eigenen Identität und womit ich mich identifiziere und plötzlich bringt dieRuhe und Stille gerade etwas ans Licht, das sonst von meinem gefüllten Alltag überdeckt wird. Ich habe gerade das Gefühl das mein Nervensystem dabei ist, etwas zu entdecken, was der Verstand noch nicht ganz versteht: Dass Dasein und Leistung nicht dasselbe sind.

Ein Baum im Wald hat keine Lebensberechtigung, weil er besonders produktiv ist. Ein Kind muss nichts leisten, um wertvoll zu sein. Ein alter Mensch verliert seinen Wert nicht, wenn er nichts mehr erschafft und vielleicht gilt das auch für die Menschheit und Gesellschaft allgemein. Vielleicht gibt es eine Ebene des Lebens, auf der wir nicht hier sind, um ständig etwas zu produzieren, sondern um zu erfahren, zu spüren, zu lieben, zu staunen, zu leben.

Ich sehne mich so sehr nach Verbindung, denn für mich ist Verbindung genau das Gegenteil von dem Gefühl, sich seine Existenz verdienen zu müssen. Wenn ich Verbindung spüre, dann bin ich nicht getrennt von allem anderen und ich muss mir meinen Platz nicht erarbeiten, denn ich gehöre bereits dazu.

Zum Leben
Zu den Menschen
Zur Erde
Zu diesem Augenblick

Vielleicht ist Stille der Raum, in dem wir das wieder wahrnehmen können, nicht als Gedanke, sondern mehr als Erfahrung. Ich sitze in der Hütte am See auf meinem Stuhl , höre den Wind, spüre meinem Atem und für einen Moment muss ich nichts verbessern, nichts leisten, nichts beweisen, nichts erreichen. In diesem Moment entsteht eine andere Art von Wissen. Ein stilles Wissen. Nicht: „Ich bin wertvoll, weil ich etwas tue.“ Sondern: „Ich bin. Und das genügt für diesen Moment.“ Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung der Stille. Nicht, still zu werden, sondern auszuhalten, dass wir auch dann existieren, wenn wir nichts leisten.

Ich kann nur erahnen das hier in diesen Momenten eine tiefere Form von Freiheit beginnt.