Manchmal wundere ich mich über dieses Leben. Über dieses wundersame Leben, das uns immer wieder staunen lässt und gleichzeitig zweifeln. Das uns Dinge schenkt und wieder nimmt, das uns Menschen begegnen lässt und manchmal wieder von ihnen entfernt, das uns fallen lässt und wieder aufstehen.
Und vielleicht liegt genau darin dieses Wunder.
Vielleicht ist das Wunder gar nicht das Leben da draußen, sondern wir sind das Wunder darin. Weil dieses Leben ohne uns, ohne unser Fühlen, unser Wahrnehmen, unser Lieben und Zweifeln, ohne unsere Angst und unseren Mut, ohne unser Fallen und Wieder aufstehen gar nicht auf diese Weise stattfinden könnte.
Und ich spüre gerade so sehr, dass es eben nicht immer nur um Licht und Liebe geht. Nicht darum, alles schön zu machen oder im Hellen zu bleiben, sondern auch um diese Schatten in uns, um das Zweifeln, um die Momente, in denen wir nicht wissen, wohin mit uns. In denen etwas eng wird und wir uns selbst vielleicht kaum verstehen.
Und trotzdem ist da immer wieder etwas, das weitergeht. Etwas, das uns morgens die Augen öffnen lässt. Etwas, das uns wieder nach dem Leben greifen lässt, nach Nähe, nach Berührung, nach Begegnung.
Und vielleicht ist genau dieses Etwas das Licht in uns. Nicht dieses große, strahlende Licht, sondern dieses ganz leise, das manchmal kaum zu sehen ist und trotzdem nie ganz verschwunden war.
Während ich das schreibe, merke ich, wie viel diese zwei Tage, die ich mir geschenkt habe, mit mir gemacht haben. Diese Weite. Dieses Nicht müssen. Dieses einfach nur Sein und Spüren und Zeit haben.
Und ich merke, dass ich das alles noch sortieren muss. Oder vielleicht auch gar nicht sortieren muss. Vielleicht darf es einfach noch ein bisschen in mir sein und nachwirken.
Ich frage mich manchmal: Warum teilen wir unser Leben eigentlich? Warum zeigen wir uns? Warum erzählen wir anderen, was uns bewegt?
Ist es das Bedürfnis, gesehen zu werden? Ist es Geltung? Ist es dieses kleine: „Mich gibt es auch. Schau mich an. Sieh mich.“
Vielleicht ist es das manchmal. Vielleicht gehört auch das zu uns Menschen – gesehen werden zu wollen.
Und während ich darüber nachdenke, fühlt sich da noch etwas anderes an. Etwas viel Weicheres.
Diese Sehnsucht nach Verbindung.
Dieses Gefühl: Etwas hat mich gerade berührt, und ich möchte dich für einen Moment daran teilhaben lassen. Nicht, damit du mich bewunderst. Nicht, damit du mir sagst, wie wunderbar mein Leben ist. Sondern einfach, weil ich etwas von mir zu dir hinüberreichen möchte. Einen Gedanken, einen Augenblick, ein Gefühl. Vielleicht nur ein kleines Stück meines Lebens.
Und plötzlich denke ich wieder an meine beste Freundin Helen aus Neuseeland und daran, wie wir unsnach elf Jahren, einfach telefonisch wieder verbinden. Elf Jahre Leben dazwischen, und trotzdem war da plötzlich diese Verbindung. Wir konnten genau dort wieder ansetzen, wo wir irgendwann einmal aufgehört hatten.
Als hätten diese elf Jahre für etwas in uns gar keine Bedeutung gehabt.
Weil es Verbindungen gibt, die offenbar etwas kennen, das Zeit nicht kennt.
Verbindungen aus dem Herzen.
Und vielleicht ist genau das eines dieser Wunder: dass wir Menschen einander nicht ständig sehen müssen, um miteinander verbunden zu sein. Dass manchmal ein einziges „Hast du kurz Zeit?“ reicht, und da ist wieder diese Nähe.
Und gerade dieser Satz berührt mich: „Hast du kurz Zeit?“
Denn was schenke ich eigentlich, wenn ich einem Menschen meine Zeit schenke?
Ich schenke ihm etwas, das ich niemals zurückholen kann.
Ich schenke ihm einen Teil meines Lebens.
Und plötzlich fühlt sich Zeit gar nicht mehr an wie Stunden und Minuten, Termine und Kalender, sondern wie etwas unglaublich Kostbares. Vielleicht das Kostbarste, das wir Menschen überhaupt besitzen.
Denn wenn ich mir Zeit schenke, schenke ich mir Leben.
Und wenn ich einem anderen Menschen Zeit schenke, schenke ich ihm ein Stück meines Lebens.
Vielleicht ist genau das Menschlichkeit.
Nicht immer etwas tun zu müssen. Nicht immer eine Lösung zu haben. Nicht immer etwas erklären oder verändern zu müssen. Sondern manchmal einfach da zu sein. Für mich. Für dich. Für diesen einen Augenblick.
Und vielleicht ist dieses ganze wundersame Leben genau das: ein immer neues Begegnen.
Mir selbst. Anderen Menschen. Meinem Licht und meinem Schatten. Meiner Freude und meinem Zweifel. Meiner Weite und meiner Enge. Dem, was kommt, und dem, was wieder geht.
Vielleicht müssen wir gar nicht verstehen, warum all das geschieht. Vielleicht müssen wir auch nicht entscheiden, ob dieses Leben schön oder schwer, hell oder dunkel, leicht oder schmerzhaft ist.
Weil es alles davon sein darf.
Und mittendrin sind wir. Suchend und zweifelnd und liebend. Fallend und wieder aufstehend. Manchmal laut und manchmal ganz still. Manchmal sichtbar und manchmal zurückgezogen.
Aber immer wieder bereit, uns berühren zu lassen, uns zu zeigen und einander zu begegnen.
Und vielleicht besteht das Wunder am Ende gar nicht darin, dass irgendwann alles gut wird.
Vielleicht besteht das Wunder einfach darin, dass wir da sind.
Dass wir fühlen. Dass wir uns wundern. Dass wir einander finden.
Und manchmal für einen kleinen Augenblick stehen bleiben und sagen:
„Ja. Ich habe Zeit für dich.“



