An meinem neunten Tag Fasten konnte ich nach langer Zeit endlich wieder wahrnehmen, das weit über den Verzicht auf Nahrung hinausgeht und der Grund ist, warum ich immer wieder faste.

Mein Körper fühlt sich leicht an, mit einer Note von „Glückseligkeit“. Mein Geist ist klar, doch das eigentlich Besondere ist die Veränderung meiner Wahrnehmung.

Gerüche werden intensiver, Geschmäcker feiner und Selbst ein mit Wasser verdünnter Johannisbeersaft entfaltet eine Süße, die ich unmittelbar im Körper und im Kopf wahrnehmen kann. Was sonst im Alltag oft überdeckt wird, tritt plötzlich deutlich hervor. Fasten bedeutet für mich nicht, gegen den Körper zu arbeiten. Es bedeutet, ihm wieder zuzuhören.

Mit jedem Tag entsteht mehr Raum. Raum zwischen Reiz und Reaktion. Raum zwischen Hunger und Gewohnheit. Raum für eine tiefere Begegnung mit dem, was in mir lebendig ist. Dabei begegnen mir nicht nur körperliche Empfindungen, sondern auch meine Werte. Das, was mir wirklich wichtig ist. Das, wofür ich stehen möchte. Was sich stimmig anfühlt und was nicht.

Der Körper wird dabei zu einem Kompass. Er zeigt mir liebevoll, was nährt und was erschöpft. Was wahr ist und was nur Gewohnheit. Wo Vertrauen wächst und wo Kontrolle losgelassen werden darf. In dieser Klarheit wird spürbar, dass Leben nicht etwas ist, das außerhalb von uns geschieht.

Gefühlt ist der Körper und der Atem das Leben

Und manchmal braucht es nur etwas weniger von allem, damit wir uns wieder daran erinnern können. Vielleicht ist das eines der größten Geschenke des Fastens: Nicht, dass etwas Neues entsteht, sondern dass etwas Wesentliches wieder sichtbar wird.