Sonntag morgen, Yin Yoga und Cacao fürs Herz. Hier darf Stille sein. Und hier darf auch hörbar werden, was nicht länger in uns festgehalten werden möchte.

Lange Zeit schien es, als müssten wir uns entscheiden. Zwischen innerer Erfahrung und äußerem Wissen. Zwischen gelebter Praxis und wissenschaftlicher Erklärung. Zwischen dem, was wir im Körper spüren – und dem, was messbar ist. Doch gerade jetzt zeigt sich etwas anderes: Es beginnt, zusammenzufließen. Was in jahrtausendealten Erfahrungswegen über Atem, Klang, inneres Spüren und ehrlichen Ausdruck gewusst wurde, findet heute eine Sprache in der Nervensystemforschung. Nicht, um das eine durch das andere zu ersetzen – sondern um es verständlicher zu machen.

Die spirituelle Praxis hat immer vom Lauschen gesprochen. Vom Innehalten. Vom Raum zwischen zwei Atemzügen. Die Wissenschaft beschreibt heute, wie genau dort Regulation geschieht. Wie Atem, Stimme und Vibration den Vagusnerv ansprechen. Wie der Körper vom Alarm in Sicherheit wechseln kann. Wie Ausdruck Spannung löst, die sonst im Inneren gebunden bleibt. Zwei Zugänge. Ein und derselbe Körper.

Es ist wie die Wurzel und das Licht. Wie Tiefe und Weite. Wie Innenraum und sichtbare Bewegung. In meiner Arbeit fließen diese Ebenen zusammen. Die feine Wahrnehmung, gewachsen aus vielen Jahren Praxis – und das heutige Wissen darüber, wie unser Nervensystem funktioniert. Nicht im Gegensatz, sondern im Miteinander. Wie zwei Hände, die dasselbe halten. Denn am Ursprung steht etwas sehr Einfaches: das Menschsein. Dieser Körper. Dieser Atem. Dieses Nervensystem, das ständig versucht, zwischen Schutz und Offenheit zu balancieren.

Manchmal braucht es Stille, damit wir wieder hören, was in uns lebt. Manchmal braucht es Ausdruck, damit das, was festgehalten wurde, in Bewegung kommt. Regulation entsteht im Rhythmus zwischen beidem. Vielleicht ist es wie bei einer Lotusblume. Ihre Wurzeln im dunklen, nährenden Grund. Ihr Stängel im Wasser, das trägt und bewegt. Und ihre Blütenblätter, die sich dem Licht öffnen.

Nichts davon ist getrennt. Nicht das Dunkle, nicht das Klare, nicht das Helle. Alles gehört zum selben Leben. So dürfen auch wir aus der Tiefe unseres Körpers heraus wachsen. Aus der Essenz.
Durch das Spüren. Durch das ehrliche Mitteilen. Durch die Klarheit, die entsteht, wenn nichts mehr festgehalten werden muss. Hier begegnen sich Erfahrung und Wissenschaft. Stille und Stimme. Innen und Außen. Nicht entweder–oder. Sondern ein lebendiges Ineinander.

Achtsame Körperübung: Summen & Spüren & Stille 

Wirkung: Vagusnerv, Brustraum, innere Beruhigung. Ohne Reden über Inhalte – nur Klang als Regulation

1. Ankommen und Innehalten
Sitz oder steh. Eine Hand auf den unteren Bauch, eine auf den Brustkorb. Spür nur das Gewicht deiner Hände. Das ist körperlicher Halt.

2. Leises Summen
Atme durch die Nase ein. Beim Ausatmen summst du leise: „Mmmmmm“ Nicht laut. Mehr wie ein inneres Brummen. Spür dabei:
• Vibration im Brustkorb
• vielleicht im Gesicht
• vielleicht im Bauch unter deiner Hand und nehme 5–6 Atemzüge. Summen stimuliert den Vagusnerv direkt über Schwingung, nicht über Denken.

3. Die stille Nachwirkung
Hör auf zu summen. Bleib still. Jetzt passiert oft das Eigentliche: Wärme. Weite im Brustraum. Ein spontaner tiefer Atemzug. Nur wahrnehmen.

4. Ein Laut aus dem Körper
Jetzt kein Wort — nur ein natürlicher Laut beim Ausatmen, wenn er kommt:

  • „Ah…“
  • „Oh….“
  • ein Seufzer
  • ein weiches Ausströmen – nichts machen. Nur erlauben. Der Körper entscheidet.

5. Abschluss
Hand bleibt am Körper. Leise innerlich:

„Mein Körper darf loslassen, ohne es erklären zu müssen.“