Angst ist eine interessante Geschichte. Nicht, weil sie angenehm wäre – sondern weil sie so viel mit uns macht, oft ganz leise, oft automatisch.
Neulich hatte ich ein paar Blätter ausgedruckt. Ganz schlicht. Weiße Seiten, nur ein Wort darauf: Angst. Ich habe sie im Drucker liegen lassen. Und später beobachtet, was es mit den Menschen gemacht hat, die diese Blätter gefunden haben. Manche haben kurz gezögert. Andere sie schnell wieder weggelegt. Wieder andere mussten schmunzeln. Ein einziges Wort – und doch so viel Bewegung im Inneren.
Diese Blätter habe ich später mitgenommen ins Krankenhaus. Zu jemandem, der viel mit Angst, Unruhe und Panik zu tun hat. Besonders nachts. Dann, wenn es still wird. Wenn keine Ablenkung mehr da ist. Wenn der Körper müde ist, aber der Kopf wach bleibt. Wir haben uns gemeinsam hingesetzt. Und begonnen, die Buchstaben auszumalen. Langsam. Ohne Ziel. Einfach Farbe in das Wort bringen. Nach einer Weile sagte sie ganz überrascht: „Ich male, als hätte ich noch nie zuvor gemalt.“ Da war sie die Leichtigkeit, die wir als Kinder spüren. Eine Erinnerung, die in uns ruht aus Kindestagen, als wir stundenlang vor dem Malbuch gesessen haben und ohne Ziel gemalt haben. Etwas Spielerisches in uns wird wieder wach. Und plötzlich war das Wort Angst nicht mehr nur schwer. Es war verbunden mit einem Gefühl von: Oh, das ist aber schön. Genau das hat etwas verändert. Nicht, weil die Angst weg war. Sondern weil sie einen neuen Platz bekommen hat.
Unser Nervensystem reagiert auf Worte. Auf Bilder. Auf Bedeutungen, die wir ihnen geben – oft schon sehr lange. Angst ist für viele von uns automatisch negativ behaftet. Der Körper geht sofort in Alarm. Was wir hier gemacht haben, war kein Wegmachen. Sondern ein Umlernen. Wenn in der Nacht dieses Gefühl wiederkommt, dann kann sie sich bewusst erinnern: An das Bild, an die Farben, an dieses ruhige, fast kindliche Gefühl beim Malen. Und ja – das braucht Übung. Einmal reicht nicht. Aber jedes Mal hinterlässt eine neue Spur.
Eine kleine Einladung
Vielleicht magst du es selbst ausprobieren. Nimm ein Blatt Papier. Schreibe das Wort Angst darauf, ohne wähle ein Thema was dich beschäftigt. Groß oder klein – so, wie es sich stimmig anfühlt. Dann nimm dir Farben. Oder Stifte. Oder einfach einen Bleistift. Und male die Buchstaben aus. Ohne richtig oder falsch. Ohne Bedeutung. Nur Bewegung, Farbe, Kontakt.
Spüre dabei deinen Atem. Nicht, um ihn zu verändern. Sondern um da zu bleiben. Wenn du magst, halte danach kurz inne. Und nimm wahr: Wie fühlt sich das Wort jetzt an? Nicht im Kopf – im Körper. Dieses Bild kannst du mitnehmen. Als innere Erinnerung. Für Momente, in denen die Angst sich meldet. Nicht als Gegner. Sondern als etwas, dem du schon einmal ruhig begegnet bist. Und das allein kann manchmal schon viel sein.



