Es heißt, dass vor langer Zeit ein junger Mönch viele Jahre in einem Kloster lebte. Tag für Tag lernte er die alten Schriften, die Gebete und die Mantren. Seine Lehrer erklärten ihm die Weisheiten der Welt, und immer wieder glaubte er, nun verstanden zu haben.

„Jetzt weiß ich es“, sagte er voller Freude. „Jetzt bin ich bereit.“

Doch die alten Mönche lächelten nur.

„Noch nicht.“

Also lernte er weiter.

Mit den Jahren wurde sein Wissen größer. Er konnte jedes Mantra fehlerfrei sprechen, jede Bedeutung erklären und jede Frage beantworten. Eines Tages nickten die Mönche.

„Jetzt geh.“

Sie erzählten ihm von einem Einsiedler, der hoch oben in den Bergen lebte, jenseits eines großen Sees. Man sagte, dieser alte Mann habe kaum Bücher gelesen und doch strahle aus ihm eine tiefe Weisheit. Der junge Mönch machte sich auf den Weg. Viele Tage wanderte er durch Wälder und über steinige Pfade, bis er schließlich den See erreichte. Ein kleines Boot brachte ihn hinüber.

Als er die Höhle fand, begrüßte ihn der alte Mann mit einer Herzlichkeit, als hätten sie sich längst gekannt. Sie verbrachten einige Tage miteinander. Sie schwiegen viel. Sie aßen gemeinsam. Sie beobachteten den Wind in den Bäumen und das Licht auf dem Wasser. Eines Abends sprach der alte Mann eines der heiligen Mantren. Der junge Mönch erschrak. Der Rhythmus stimmte nicht. Die Betonung war falsch. So hatte er es nie gelernt. Vorsichtig erklärte er dem alten Mann die richtige Aussprache. Geduldig wiederholten sie das Mantra gemeinsam, bis jede Silbe genau an ihrem Platz war.

Der Einsiedler verneigte sich dankbar. „Danke“, sagte er. „Jetzt habe ich es verstanden.“

Der junge Mönch war erfüllt von stillem Stolz. Selbst diesem weisen Mann hatte er noch etwas lehren können.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich. Der junge Mönch stieg wieder in das Boot und ruderte langsam über den See zurück. Mitten auf dem Wasser spürte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter.

Er drehte sich um und neben dem Boot stand der alte Mann, nicht im Boot, sondern auf dem Wasser.

„Verzeih“, sagte er freundlich. „Ich habe den Rhythmus des Mantras schon wieder vergessen. Kannst du ihn mir noch einmal zeigen?“

Der junge Mönch brachte kein Wort hervor.

Zum ersten Mal verstand er. Man kann jedes Wort richtig sprechen und doch ein Leben lang über den See rudern. Und man kann ein Mantra vergessen und dennoch über das Wasser gehen.

Seit diesem Tag suchte er nicht mehr nach den richtigen Worten. Er begann, nach dem Ort in sich zu suchen, aus dem die Worte entstehen. Denn Wissen kann den Weg zeigen. Doch erst das verkörperte Leben lässt uns erfahren, dass der Weg längst unter unseren Füßen liegt.